Körpertherapie: Wie funktioniert das eigentlich?

Für die Zeitschrift »Connection Spirit« sind wir als Betreiber des KörpertherapieNetzwerks gebeten worden, auf zwei Seiten und möglichst allgemeinverständlich zu beschreiben, wie Körpertherapie eigentlich funktioniert. Das kam uns ein bisschen so vor, als wären wir gefragt worden, wie denn das Leben funktioniert. Am liebsten hätten wir geantwortet: »Bei dem einen so beim anderen anders«. Im Hinblick auf mehrere hundert körpertherapeutische Methoden allein in Deutschland schien es uns unmöglich zu sein, diese Frage kurz und knapp zu beantworten, ohne einzelne Therapieschulen außer acht zu lassen.

Gleichwohl war es für uns reizvoll, einige verbindende methodenübergreifende Grundannahmen der Körpertherapie, wie wir sie verstehen, zusammenzutragen. Auch wenn die Frage selbst unsinnig erscheint, gestellt wird sie trotzdem immer wieder. Schließlich haben wir dann den folgenden Artikel sehr gern geschrieben, nicht zuletzt weil damit eine kostenlose Werbung für das Körpertherapie-Netzwerk verbunden war. Er erschien in leicht gekürzter Form in der September-Ausgabe (2005).

 


Von Caroline Ghibely und Johannes Hartmann

Im Klinikalltag sind körpertherapeutische Heilungsansätze bei psychischen und psychosomatischen Leiden inzwischen wichtige Bestandteile des Behandlungskonzeptes geworden. Dort ist die Wirksamkeit körpertherapeutischer Methoden längst anerkannt.

Dennoch scheint die Scheu vor Körperlichkeit in unserer medizinischen Kultur vordergründig noch weit verbreitet zu sein: Der Körper soll beherrschbar sein und mit immer besseren Instrumenten und Medikamenten gesteuert und repariert werden. Manchmal ist das notwendig und sinnvoll. Was dabei jedoch verloren geht, ist die Fähigkeit des Menschen, seine instinktives Wissen über das, was ihm gut tut und was nicht, für sich einzusetzen. So werden Warnsignale des Körpers nicht rechtzeitig genug erkannt, um selber gegen zu steuern, bevor eine Depression zur Erstarrung führt, der Magen schon wieder brennt, die Panikattacken das Leben einengen oder die Rückenschmerzen die tägliche Arbeit unmöglich machen.

Selbstheilung durch Selbsterfahrung

Den Menschen für eine bessere Selbstwahrnehmung zu sensibilisieren und das Vertrauen in den Sinn seiner eigenen körperlichen Regungen zu stärken, ist ein wichtiger Aspekt von Körpertherapien. Dies geschieht vor allem über Gefühle und Empfindungen und weniger über den Intellekt: Ähnlich wie ein Baby, das Berührung, Bewegung und Spiegelung braucht, um zu erfahren, wer es ist und was es kann, so kann auch der erwachsene Mensch sein Selbst-Verständnis wieder neu entwickeln und trainieren. Vielen Krankheiten, Beschwerden und Stimmungen liegen ursächlich längst vergangene Konflikte oder auf Stress beruhende Erfahrungen zu Grunde, die dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich sind. Doch der Körper vergisst im Gegensatz zum Intellekt nichts. Alle tiefgreifenden Erfahrungen, die negativen ebenso wie die guten, bleiben als Körpererinnerung in Form von Gefühlen, Spannungszuständen, Ahnungen oder inneren Bildern gespeichert.

Und mehr noch: durch entsprechende Reize oder durch therapeutische Arbeit können sie wieder mobilisiert werden. Fundierte Körpertherapien führen den Menschen deshalb behutsam in eine Art vorsprachliche Empfindungswelt zurück. Je nach Therapiemethode stimulieren sie auf unterschiedliche Weise tief liegende Gefühle, Bewegungen oder innere Bilder. Der Körper kann so seine Art zu reagieren neu erkunden. Diese Körper-Selbst-Erfahrung regt den Menschen an, bewusst oder rein vegetativ wieder auf seine ureigenen alten, »gesunden« Reaktionsweisen zurück zu greifen. So können die selbst heilenden Kräfte des Körpers wieder erwachen und Stress verursachenden Konflikten kann auf andere, gesunde Art begegnet werden.

Die physiologische Basis: Der Körper braucht Anspannung ebenso wie Entspannung

Stress ist auf vielfältige Weise fester Bestandteil unseres Lebens: Hunger verursacht Stress, Kälte und Hitze machen Stress, Einsamkeit sowie Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit sorgen für Stress. Und ebenso leiden wir unter Stress, wenn wir den Arbeitsplatz verlieren, wenn wir uns streiten, den Tod eines Partners verkraften müssen oder gar mit traumatisierenden Erlebnissen konfrontiert sind. Stress kann krank machen und Krankheit bedeutet für den Körper ebenfalls Stress. Unser Körper reagiert darauf mit der Ausschüttung so genannter Stresshormone. Diese waren zu Urzeiten des Menschen u. a. dazu da, die Energiereserven des Körpers etwa für die Flucht vor oder den Kampf mit einem wilden Tier zu mobilisieren.

Stresshormone sind in der Lage, einen Menschen für eine bestimmte Zeit über sich und seine Kräfte hinaus wachsen zu lassen. Ebenso vermögen sie es, ihn in die Starre eines erjagten Tieres zu versetzen. Sofern nach besonderen Belastungen Phasen der Entspannung, des Wohlfühlens oder des Genießens einsetzen können, kann unser Organismus von Zeit zu Zeit mit Stressbelastungen durchaus gut umgehen.

Schwierig wird es dagegen, wenn Konflikte chronisch ungelöst bleiben. Dann nämlich werden Stresshormone nicht mehr abgebaut sondern fortwährend neu ausgeschüttet. Auf diese Weise versetzen sie den Körper in den Alarmzustand andauernder Über- oder Unterspannung. Der Körper lebt wie unter Dauerstress viel zu lange Zeit über seine Kräfte oder leidet unter zu wenig Antrieb. Dabei verfestigen sich körperliche und geistige Haltungen, die den Zweck haben, alte Schmerzen, seelische Verletzungen oder andauernde Verspannungen nicht mehr in aller Tragweite zu spüren. Es entstehen innere und äußere Schonhaltungen, die uns längerfristig aus dem Gleichgewicht bringen und psychische oder psychosomatische Beschwerden auslösen.

Wichtig: Stressabbau durch Körpertherapie

Ein weiterer Aspekt von Körpertherapie ist es deshalb, Möglichkeiten zu finden, wie Stress wieder abgebaut werden kann: Entspannung und Gelassenheit zu lernen kann dabei ebenso wichtig sein wie die Lust an Bewegung, Aggressivität und Begegnung. Ein gesundes physiologisches, energetisches und psychisches Gleichgewicht herzustellen bedeutet in diesem Zusammenhang, das, was zu viel ist zu vermindern und das, was zu wenig vorhanden ist, zu kräftigen.

Ganzheitlichkeit: Ist der Körper befangen, ist auch die Seele nicht frei

Um einen Menschen zu heilen, ist es notwendig, ihn als Wesen zu verstehen, dessen Körper, Geist, Seele, dessen Geschichte und Wirken untrennbar miteinander verbunden sind. Diese »ganzheitliche« Sichtweise kennzeichnet einen dritten, wichtigen Aspekt der Körpertherapie: Der Mensch wird als vernetztes System gesehen, in dem Gefühle, Organe, Muskeln, das Skelett und unbewusst auch das Denken und Handeln permanent aufeinander reagieren. Diese Haltung wird auch durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt: der Mensch wird mehr von Instinkten und (teilweise) unbewussten Gefühlen gelenkt als von seinem Verstand. Je mehr ein Körpertherapeut dieses Wissen vor Augen hat, desto eher kann er dem Patienten helfen, wieder »heil« im Sinne von »ganz« zu werden und die innere Balance wiederzufinden.